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Geschichte

"Wer die Enge seiner Heimat begreifen will, der reise. Wer die Enge seiner Zeit ermessen will, studiere die Geschichte."

(Kurt Tucholsky)

Unsere Schülerinnen und Schüler wachsen in einer sich ständig verändernden, nach Neuem strebenden Zeit heran. Ihre Lebenswelt scheint von nichts so sehr bestimmt zu sein, wie dem rasanten technischen und medialen Fortschritt unserer Epoche. Gleichzeitig umgibt sie aber in gleichem Maße eine Welt, die historisch gewachsen ist und ihre Wurzeln in einer komplexen Vergangenheit hat. Ihre Spuren sind gerade in Neustadt und der Region vielfältig und bedeutungstragend.

Im Geschichtsunterricht, der von der sechsten Klasse an durchgehend zweistündig erfolgt, und in Projektgruppen befassen wir uns daher gemeinsam mit den historischen Fragestellungen, Strukturen und Abläufen, die auch für die Orientierung und eine sinnhafte und konstruktive Beteiligung in der heutigen Gesellschaft wichtig bleiben. Von großer Bedeutung ist uns dabei, eine Kultur der Erinnerung zu etablieren, die sich über das reine Schulwissen hinaus mit der Geschichte des Lebensortes auseinandersetzt.

Aus diesem Grund unternehmen wir in den unterschiedlichen Jahrgangsstufen verschiedene Exkursionen und führen im und neben dem Unterricht Projekte durch, die wir zu einem "Erinnerungskonzept" zusammengefasst haben.

FlexProjekt "Cap Arcona 2017"

Auch der dies­jäh­rige Bei­trag des Küs­ten­gym­na­si­ums an der Gedenk­feier zum Unter­gang der Cap Arcona Kata­stro­phe am 3. Mai 1945 wurde im Rah­men eines Flex­pro­jek­tes aus­ge­ar­bei­tet. Elf Schü­le­rin­nen und Schü­ler aus den Klas­sen­stu­fen 9 und E beschäf­tig­ten sich an drei Schul­ta­gen inten­siv mit den Ereig­nis­sen und Zusam­men­hän­gen rund um den Unter­gang der Häft­lings­schiffe in der Neu­städ­ter Bucht. Beson­ders span­nend gestal­tete sich dies­mal die Zusam­men­ar­beit mit außer­schu­li­schen Insti­tu­tio­nen.

So stand nach einer Ein­füh­rung und einer Bege­hung der Gedenk­stätte im Rah­men des Pro­jek­tes auch ein Besuch des Cap Arcona Muse­ums an, bei dem die Gruppe sich bei Herrn Lange Fund­stü­cke anschaute und wei­tere Infor­ma­tio­nen zu den tra­gi­schen Umstän­den ein­holte, die letzt­lich zur Kata­stro­phe geführt haben. Einen Schwer­punkt bil­dete zudem die Frage, wie das Thema für die jün­ge­ren Gene­ra­tio­nen, aber auch für die Stadt und die Region bedeu­tend blei­ben kann.

So gerüs­tet ging es an die Arbeit: Zusam­men mit Herrn Tho­mas Käper­nick vom Arbeits­kreis Cap Arcona sollte ein Bei­trag für die Gedenk­feier ent­ste­hen, der die Ereig­nisse um den 3. Mai 1945 aus der Sicht eini­ger Über­le­ben­der schil­dert und so ver­sucht, einen klei­nen Ein­blick in die Ängste und das Lei­den, aber auch den uner­schüt­ter­li­chen Wil­len und die Hoff­nun­gen der Häft­linge zu ver­mit­teln. Zu die­sem Zweck arbei­tete die Gruppe an ver­schie­de­nen Zeit­zeu­gen­be­rich­ten, die Herr Käper­nick zuvor im Archiv der Gedenk­stätte Neu­en­g­amme aus­ge­wählt und zur Ver­fü­gung gestellt hatte.

Im Rah­men der Gedenk­feier wurde das Ergeb­nis die­ser Arbeit dann in Form einer Sze­ni­schen Lesung prä­sen­tiert.

FlexProjekt "Erinnern heißt verstehen"

Die vergangenen drei Schul­tage stell­ten für elf Schü­le­rin­nen und Schü­ler aus den Klas­sen­stu­fen 7 bis Q1 des Küs­ten­gym­na­si­ums eine unge­wöhn­li­che Her­aus­for­de­rung dar. Sie wur­den mit der ver­ant­wor­tungs­vol­len Auf­gabe betraut, einen Bei­trag der Schule für die Gedenk­feier zum 71. Jah­res­tag der Cap-Arcona-Katastrophe zu erar­bei­ten. „Gegen das Ver­ges­sen“ lau­tet die Über­schrift, unter der die Schü­ler nun ein Zei­chen set­zen wol­len, das nicht nur ihre Alters­ge­nos­sen dazu anre­gen soll, sich an die­sen dunk­len Moment der Neu­städ­ter Geschichte zu erin­nern, son­dern alle Neu­städ­ter auf­for­dert, der Geschichte ihrer Hei­mat­stadt wie­der gewahr zu wer­den: Am Gedenk­tag star­ten vom Gelände des Ehren­mals aus 71 Luft­bal­lons (für jedes Gedenk­jahr einer), die auf Kar­ten geschrie­bene Zitate der Über­le­ben­den tra­gen und den Fin­dern Anlass zur Erin­ne­rung und Mah­nung sein sollen.


Für die Zeit des Pro­jek­tes, das neben dem regu­lä­ren Unter­richt statt­fand, wur­den die Schü­ler vom eigent­li­chen Unter­richt frei­ge­stellt und arbei­te­ten weit­ge­hend selb­stän­dig mit viel Enga­ge­ment und Ernst­haf­tig­keit an der Umset­zung ihrer Ideen. Dabei ging es zunächst darum, sich mit der Geschichte des Unter­gangs an sich und der Pro­ble­ma­tik der Auf­ar­bei­tung zu beschäf­ti­gen, was gerade für die jün­ge­ren schon eine gewisse Her­aus­for­de­rung dar­stellte. Gemein­sam mit den bera­ten­den Leh­rern wur­den die nächs­ten Schritte geplant und umge­setzt – vom Stu­dium der Berichte der Über­le­ben­den und der Aus­wahl geeig­ne­ter Zitatstel­len über die Gestal­tung der Kar­ten bis hin zur For­mu­lie­rung einer kur­zen Rede für die Gedenk­feier, die den Abwe­sen­den die Idee des Pro­jek­tes erläu­tern soll. Auch der Auf­tritt auf der Gedenk­feier und v. a. die Rede stel­lten eine nicht alltägliche Aufgabe dar und musste geübt werden.

Wenn­gleich unsere Bal­lons letzt­lich nicht wirk­lich auf Reise gehen konn­ten, setzte unsere Aktion einen wohl allen in Erin­ne­rung blei­ben­den Schluss­punkt für die sehr bewe­gende Gedenk­feier, von der uns vor allem die Rede­bei­träge der Über­le­ben­den beein­druckt haben.

FlexProjekt "Die Katastrophe in der Neustädter Bucht"

Der Bei­trag des Küstengym­na­si­ums zum Geden­ken an die Cap Arcona-Katastrophe bil­dete am 4. Mai den Abschluss einer Reihe beein­druck­ten­der und ein­dring­li­cher Ver­an­stal­tun­gen zum 70. Jah­res­tag der Tra­gö­die in der Neu­städ­ter Bucht. Zuvor war die Sze­ni­sche Lesung im Rah­men des Erin­ne­rungs­kon­zep­tes der Schule allen Schü­le­r*in­nen ab der 8. Klasse gezeigt worden.

FlexProjekt "Zu Ehren Henryk Francuz"

15 Schü­le­rin­nen und Schü­ler aus verschiedenen Jahrgangsstufen haben sich  in den vergangenen drei Tagen unter Anlei­tung des His­to­ri­kers Tho­mas Käper­nick mit der Lebens­ge­schichte eines Über­le­ben­den der Cap Arcona Kata­stro­phe beschäf­tigt. Ziel war es, dem im letz­ten Jahr Ver­stor­be­nen Hen­ryk Fran­cuz ein "klei­nes Denk­mal” zu set­zen. Neben der Recherche-Arbeit, deren Ergeb­nis fol­gen­der Text ist, hat die Gruppe auf der Grund­lage von Zita­ten aus Fran­cuz’ Lebens­be­richt auch gestal­te­risch gear­bei­tet. Die Ergeb­nisse kön­nen neben eini­gen Bil­dern vom Pro­jek­t­ab­lauf wei­ter unten betrach­tet werden.

Beson­ders schön ist, dass die Pro­jekt­gruppe über Herrn Käper­nick zum Abschluss noch den Sohn des Ver­stor­be­nen via E-Mail kon­tak­tie­ren und von ihrem Vor­ha­ben und den Ergeb­nis­sen infor­mie­ren konnte. Dies ist seine Antwort:

Hello Tho­mas, I am very touch my father was a very spe­cial man, I’m with tears that someone remem­bers his jour­ney of life. The war for my father did not stop when he was libe­ra­ted. Ever­y­day he fought his own demons and I as a child was part of it. I thank you so much for making my fathers name known. Thank the child­ren who are doing there works on the holo­caust, they must know that a per­son lives and dies but he has a name. My father was very dear to me. My flesh and blood. I respect your work very much. I want to add that Ger­many suf­fe­red very much and I respect the people. […]

Sin­ce­rely yours

Michael Adam Francuz

Hen­ryk Francuz

I did not have a happy childhood during the time shortly before my father died and afterwards.“

Hen­ryk Fran­cuz wurde am 16. Februar 1925 in Lodz, Polen, gebo­ren. Seine leib­li­che Mut­ter ver­starb 1928, als er drei Jahre alt war, sein Vater zwei Jahre vor dem Krieg im Dezem­ber 1937, wäh­rend er noch zwölf war. Seine Stief­mut­ter und ihre Fami­lie präg­ten vor allem seine Kind­heit. Er wusste bis zu sei­nem neun­ten Lebens­jahr nicht, dass sie seine Stief­mut­ter war.

Vom Kin­der­gar­ten bis zur sieb­ten Klasse ging er zu einer hebräi­schen Schule. In sei­ner Frei­zeit war er aktiv in meh­re­ren zio­nis­ti­schen Jugend­grup­pen tätig, beschreibt sich aber ins­ge­samt als unpo­li­ti­schen Men­schen, der nicht wusste, was „im Land geschah oder im Osten vor sich ging.“ Er sprach zwei Spra­chen – Hebrä­isch und Pol­nisch, aller­dings nicht Yid­dish, was zu Pro­ble­men führte, als er 1939 ins Ghetto kam, da er sich dort nach eige­nen Anga­ben nicht mit den ande­ren aus­tau­schen konnte.

I was not a poli­ti­cal animal.“

Die Schwes­tern sei­ner Stief­mut­ter nah­men ihn bei sich auf. Die eine war Zahn­ärz­tin, der zwei­ten gehörte eine Biblio­thek. Er selbst machte eine Aus­bil­dung zum Elektriker. Ins Ghetto ging er, nach­dem in sei­nem Vier­tel nachts regel­mä­ßig und will­kür­lich Men­schen ermor­det wor­den waren. Im Ghetto selbst übten seine Tan­ten ihre Berufe wei­ter aus, wäh­rend er in Fabri­ken oder Bäcke­reien elek­tri­sche Anla­gen reparierte.

The most famous Aktion was the Sperre”

Die Zustände im Ghetto ver­schlech­ter­ten sich zuneh­mend. Krank­heit, Kälte und Hun­ger wur­den all­ge­gen­wär­tig, die Men­schen wur­den von der Außen­welt voll­kom­men iso­liert, die ein­zigen Infor­ma­ti­ons­quel­len waren wenige Radios und Zeitungen. Als beson­ders dras­tisch emp­fand Hen­ryk Fran­cuz die so genann­ten „Sper­ren“, Aktio­nen der SS, bei denen schwa­che und kranke Men­schen in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger depor­tiert wur­den: „The most famous Aktion was the Sperre, which las­ted more than a week — ten days. The term Sperre means blo­ckade. One could not go out in the streets and the Ger­mans would go with the Jewish police and they would fill the daily quota with weak and sick people. My step mother was taken during the Sperre.“

The dif­fe­rence was, that des­pite all the hun­ger and cold, here in the camp you where wit­hout family. It was a dif­fe­rent planet.”

Um nicht Ziel der regelmä­ßi­gen Depor­ta­tio­nen zu wer­den, ver­steckte sich Hen­ryk Fran­cuz mit ande­ren im Ghetto. Bei der end­gül­ti­gen Räu­mung des Ghet­tos wurde jedoch auch er ent­deckt und in einem Zug nach Maris­hin und spä­ter in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz ver­schleppt. Fran­cuz ver­suchte aus einem der klei­nen Wagons, in die jeweils 40–50 Men­schen gepfercht wor­den waren, zu ent­kom­men, doch er war auf die Hilfe ande­rer Gefan­ge­ner ange­wie­sen, die jedoch Angst vor den Deut­schen hat­ten und das Risiko erwischt zu wer­den nicht ein­ge­hen wollten.

Als sie im „Camp“ – Ausch­witz Bir­kenau – anka­men, wurde Fran­cuz bei der Selek­tion für arbeits­fä­hig befun­den und im fol­gen­den auf ernied­ri­gende Weise kom­plett rasiert, des­in­fi­ziert, geduscht und in die Häft­lings­uni­form geklei­det, die er als „Clowns­kos­tüm“ beschreibt. Das Schlimmste in Bir­kenau seien laut Fran­cuz nicht Kälte und Hun­ger, son­dern die Ein­sam­keit ohne die Fami­lie gewe­sen, denn in den Bara­cken herrsch­ten grau­same Bedin­gun­gen: Die Men­schen schlie­fen „über­ein­an­der gesta­pelt“ und ohne Decke auf dem Beton­bo­den. Außer­dem litt er unter der Schi­kane des „Blo­ck­äl­tes­ten“, einem Häft­ling, der für die Ord­nung und Sau­ber­keit in der Bara­cke zustän­dig gewe­sen war, in sei­nem Fall ein pol­ni­scher Häft­ling. Der Blo­ck­äl­teste stahl den ande­ren Insas­sen das Essen, um sel­ber bes­ser zu leben; auch Hen­ryk Fran­cuz wurde täg­lich sei­ner klei­nen Por­tion Mar­ga­rine beraubt.

I was the only one who did not step out.“

Auf­grund sei­ner Aus­bil­dung und Erfah­rung als Elek­tri­ker wurde Fran­cuz in ein Außen­la­ger – Ausch­witz Fürs­ten­grube – gebracht. Am Anfang machte Fürs­ten­grube einen bes­se­ren Ein­druck als Bir­kenau, da die Bedin­gun­gen ihm zunächst erträg­li­cher erschie­nen. Man ließ ihn andere Klei­dung für die Arbeit anzie­hen, um ihn vor den nas­sen Wän­den der Mine zu schüt­zen, er konnte warm duschen und deut­sche Sol­da­ten von der Luft­waffe gaben ihm unbe­merkt etwas zu Essen. Doch auch in Fürs­ten­grube wur­den Häft­linge Opfer der SS. Fran­cuz war im Zuge einer Lager-Aktion, bei der alle jüdi­schen Insas­sen des Außen­la­gers ermor­det wur­den, nur knapp dem Tode ent­ron­nen, da er sich nicht als Jude zu erken­nen gab.

The ship began to explode, and fire…and ever­y­thing was fly­ing around.“

Fran­cuz blieb bis zur kom­plet­ten Räu­mung des gesam­ten Lager­kom­ple­xes am 18. Januar 1945. Dann ging er mit etwa 1000 Häft­lin­gen am so genann­ten „Todes­marsch“. Schon auf der ers­ten Etappe, die Fran­cuz nach Dora-Nordhausen führte, wo er von Februar bis März in unter­ir­di­schen Ein­rich­tun­gen beim Bau der V1– und V2-Raketen Zwangs­ar­beit leis­ten musste, ver­starb rund die die Hälfte der Häft­linge des Mar­sches an Hun­gers­not und Kälte. Wegen der näher rücken­den Roten Armee wur­den Fran­cuz und die wei­te­ren Über­le­ben­den zunächst in Züge und dann auf eine Fähre ver­frach­tet und leg­ten anschlie­ßend noch eine Weg­stre­cke von 40–50 km zu Fuß bis nach Ahrens­bök bzw. Siblin zurück. Von dort aus ging es dann Ende April 1945 über Pönitz und Süsel nach Neu­stadt in Hol­stein, wo Fran­cuz schließ­lich am drit­ten Mai auf den ehe­ma­li­gen Luxus­damp­fer Cap Arcona kam.

Die Bom­bar­die­rung des Schif­fes über­lebte er, obwohl er nicht schwim­men konnte, indem er sich an einer Holz­planke fest­hielt. Erst am Abend wurde er von einem bri­ti­schen Boot in den Hafen trans­por­tiert und ver­brachte die Nacht in einem Spei­cher am Neu­städ­ter Bahn­hof. Wegen der Ver­bren­nun­gen, die er sich bei der Flucht von dem bren­nen­den Schiff zuge­zo­gen hatte, musste er zehn Tage im Kran­ken­haus bleiben.

There are things that are more uni­ver­sal than the nar­row per­spec­tive of the good of a nation.“

Hen­ryk Fran­cuz blieb bis zum Som­mer 1947, begann sogar ein Stu­dium, das er nach sei­ner Rück­kehr nach Polen been­dete. Dort lernte er dann auch seine Frau Dorota ken­nen, die bereits im sel­ben Ghetto wie er gewe­sen war, und zog im Mai 1957 mit ihr nach Israel. 1987 emi­grierte er nach Washing­ton, wo er fünf Jahre wohnte und sein Sohn Michael gebo­ren wurde. 2012 und 2016 erin­nerte er auf den Gedenk­fei­ern zur Kata­stro­phe in der Lübe­cker Bucht an die Lei­den der Häft­linge und rich­tete einen wich­ti­gen Appell an die nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen: „Lasst es nicht wie­der geschehen.“

Im Som­mer 2017 ver­starb er in Tel Aviv.

Vergiss deinen Namen nicht

Zu einer ganz beson­de­ren Lesung waren am Diens­tag Vor­mit­tag die Schü­le­rin­nen und Schü­ler unse­rer Ober­stufe ein­ge­la­den. Der His­to­ri­ker Alwin Meyer stellte dort sein Buch „Ver­giss dei­nen Namen nicht – Die Kin­der von Ausch­witz“ vor, worin er die Lebens­ge­schich­ten einer Reihe von Men­schen zusam­men­ge­tra­gen hat, die als Kin­der in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz depor­tiert wor­den sind oder dort gebo­ren wur­den und den Holo­caust überlebten.

Im Anschluss beant­wor­tete Alwin Meyer im Rah­men einer regen Dis­kus­sion Fra­gen zur Recher­che und berich­tete von den vie­len, oft stun­den– und tage­lan­gen Inter­views mit den Über­le­ben­den, zu denen er z.T. noch immer per­sön­li­che Bezie­hun­gen pflegt. Das von ihnen Erlebte kann nicht ver­ges­sen wer­den und lebt noch heute in den Fami­lien wei­ter. Vie­len Dank an Herrn Rai­ner Jahnke, der die Lese­reise orga­ni­siert hat.

Revo­lu­tion!


2018 jäh­ren sich zum 100. Mal das Ende des ers­ten Welt­krie­ges und die dar­auf­fol­gende Revo­lu­tion in Deutsch­land. Anläss­lich die­ser Gedenk­tage wird die gesamte Ober­stufe am 25. Okto­ber 2018 im Rah­men unse­res Erin­ne­rungs­kon­zep­tes die Thea­ter­in­sze­nie­rung „Revo­lu­tion?!“ des Ach­sen­sprung­thea­ters aus Ham­burg besu­chen. Das Thea­ter­stück, das sich auf die his­to­ri­schen Ereig­nisse in den Mona­ten Okto­ber 1918 bis Som­mer 1919 bezieht, stellt mit fünf Prot­ago­nis­ten die Zeit des Umbru­ches in Deutsch­land dar.

Ball­in­stadt - Besuch des Auswanderermuseums

Warum ver­las­sen Men­schen ihre Hei­mat? Bis heute wan­dern Mil­lio­nen von Men­schen aus, um in einem fer­nen Land ein neues Leben zu begin­nen. Wel­che Hoff­nung ver­bin­den sie damit? Unter wel­chen Bedin­gun­gen ver­läuft diese Aus­wan­de­rung? Was erwar­tet sie im Land ihrer Träume? Die­sen Fra­gen gin­gen die Schüler*innen der Klasse 8d nach, die in der ver­gan­ge­nen Woche einen Wan­der­tag ins Aus­wan­der­er­mu­seum nach Ham­burg unter­nom­men haben.

Span­nend ver­lief zunächst die eigene Anreise der Klasse nach Ham­burg, war die­ser Mon­tag doch der Streik­tag der Bahn. Glück gehabt – alle Züge waren (fast) pünkt­lich, so dass wie geplant die Ral­lye durch die Aus­stel­lung gemacht wer­den konnte und danach noch genü­gend Zeit blieb, um den Weih­nachts­markt zu erkun­den. Fröh­lich und gut gestärkt mit aller­lei (weih­nacht­li­chen) Lecke­reien ging es am Nach­mit­tag zurück nach Neustadt.

Besuch der Aus­stel­lung «Ver­giss uns nicht»

Die Schü­le­rin­nen und Schlüer der 9b besuch­ten im Rah­men des Geschichts­un­ter­richts eine ganz beson­dere Aus­stel­lung im ZeiTTor-Museum und den Räum­lich­kei­ten des KJN. „Ver­giss uns nicht“ ist eine Doku­men­ta­tion, die gene­relle Infor­ma­tio­nen zum Dasein im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz, ins­be­son­dere aber aus­ge­wählte Ein­zel­schick­sale der Kin­der von Ausch­witz, denen Alwin Meyer in sei­nem auf­rüt­teln­dem Buch “Ver­giss Dei­nen Namen nicht: Die Kin­der von Ausch­witz” eine Stimme ver­lie­hen hat. Die abso­lut sehens­werte und ebenso infor­ma­tive wie ergrei­fende Aus­stel­lung kann in die­ser Woche noch besucht werden!

Flex­Pro­jekt Cap Arcona 2019

Auch in die­sem Jahr beschäf­tigte sich eine Pro­jekt­gruppe des Küs­ten­gym­na­si­ums Neu­stadt mit einem der Über­le­ben­den der Kata­stro­phe in der Lübe­cker Bucht. Im Rah­men der Erstel­lung eines Bei­tra­ges für die Cap Arcona Gedenk­feier am 3. Mai ging es um Willi Neu­rath, des­sen v.a. poli­tisch geprägte Wir­kungs­ge­schichte vor und nach dem Unter­gang der Schiffe die Gruppe ebenso inter­es­sierte wie die schick­sal­hafte Lie­bes­ge­schichte um ihn und seine Frau Eva.

Als Grund­lage der Nach­for­schun­gen, die wie­der unter der Lei­tung von Tho­mas Käper­nick von der Arbeits­ge­mein­schaft Neu­en­g­amme erfolg­ten, dien­ten dies­mal neben Brie­fen, die Willi Neu­rath an seine Fami­lie und vor allem seine Frau aus dem KZ Buchen­wald schrieb, auch Berichte und Texte sei­nes Soh­nes, Bruno Neurath-Wilson, mit dem die Pro­jekt­gruppe im Anschluss an die Gedenk­feier sogar noch ein tol­les Gespräch füh­ren konnte.

Cap Arcona 2019 - Willi Neurath

I. Willi Neu­rath wird am 22.08.1911 als Sohn eines Buch­dru­ckers in Erfurt gebo­ren. In den 20ern tritt er der KPD bei. Zeit­le­bens macht sich Willi Neu­rath aber seine eige­nen Gedan­ken und lässt sich so nie direkt par­tei­po­li­ti­schen Ideen zuordnen.

Nach Abschluss einer Lehre zum Buch­bin­der fin­det er zunächst keine Anstel­lung und wen­det sich ver­stärkt der Poli­tik zu. Seine Haupt­auf­gabe besteht nun darin, wei­tere Mit­glie­der für die Par­tei zu gewin­nen. Dafür bil­det er sich wei­ter, indem er die Parteischule der KPD in Laichin­gen bei Solin­gen besucht.

Auch nach der Macht­über­nahme durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten 1933 setzt er sich trotz der vie­len Ver­haf­tun­gen von Par­tei­mit­glie­dern wei­ter­hin aktiv für seine poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen ein und wird 1935 wegen „Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat“ zu fünf Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt, die er in den Anstal­ten Sieg­burg, Ester­we­gen und Vechta ableistet.

Nach Ent­las­sung aus der Haft wird Neu­rath schon drei Jahre spä­ter erneut auf­ge­grif­fen und zunächst in das Unter­su­chungs­ge­fäng­nis Köln-Klingelpütz ver­bracht. Hier quält ihn u.a. die stän­dige Unge­wiss­heit über sein wei­te­res Schick­sal. Der Gedanke einer mög­li­chen Inhaf­tie­rung beglei­tet ihn die gesamte Zeit über, wobei er mit die­sem allein gelas­sen wird. Seine ein­zige Hoff­nung sind die Briefe und Besu­che sei­ner Frau und sei­ner Fami­lie. Auf die war­tet er aber vergebens:

 „Ich kann euch in die­sem Brief auch noch keine nähe­ren Mit­tei­lun­gen machen, denn ich warte selbst mit hei­ßem Her­zen auf einen Ent­scheid der höhe­ren Behörde. In der Hoff­nung, dass euch die­ser Brief recht bald errei­chen wird, sei er euch ein ers­tes Lebens­zei­chen von mir. Nehmt es nicht für übel, wenn ich heute nur wenige Zei­len schreibe, aber das ist durch die Umstände hier bedingt, spä­ter werde ich wohl mehr schrei­ben kön­nen, wenn ich das Unglück haben und nicht zu euch zurück­keh­ren kann.“ [Brief an seine Frau Eva und seine Eltern; die Zitate wur­den leicht bearbeitet]

Aus die­sen Aus­schnit­ten eines von ihm geschrie­be­nen Brie­fes an seine Frau und Eltern wird auch klar, dass auch die Fami­lie sich stets in Unge­wiss­heit über den Zustand ihres Man­nes oder Soh­nes befand.

II. Wäh­rend sei­ner Haft­zeit in Vechta freun­det sich Willi mit einem Mit­häft­ling an, der ihn darum bit­tet, nach Ende der Haft­strafe sei­ner Frau in Köln eine Bot­schaft zu über­brin­gen. So kehrt Neu­rath nach sei­ner Ent­las­sung nach Köln zurück, um der Bitte nachzukommen.

Dort lernt er auch die Stief­toch­ter des Kame­ra­den, Eva, ken­nen und sie ver­lie­ben sich inein­an­der. Anschlie­ßend hei­ra­te­ten die bei­den am 24. Okto­ber 1942.

Dann jedoch wird er 1943 wie­der ver­haf­tet und in das KZ Buchen­wald gebracht. Wäh­rend die­ser Zeit hal­ten die Ehe­leute Brief­kon­takt; Willi schreibt ihr jeden Sonn­tag. Um sie zu schüt­zen und um ihr keine Sor­gen zu berei­ten, erwähnt er in sei­nen Brie­fen nichts von den men­schen­un­wür­di­gen Ver­hält­nis­sen im Lager:

 „Du brauchst dir um mich auf alle Fälle keine Sor­gen zu machen, mir geht es nach wie vor gut, ich bin gesund und wohl­auf, abge­se­hen von einer klei­nen, aber wich­ti­gen Klei­nig­keit – eben dir, mei­ner Mutsch – fehlt mir nichts.“ […] 

Oft und oft, Mutsch, bin ich bei dir und begleite dich durch dein schwe­res Leben. Schön wäre es, wenn dir gelänge, noch ein­mal nach Memel ver­setzt zu wer­den, dann wür­dest du doch nicht so ganz alleine unter frem­den Men­schen sein. Hof­fent­lich gelingt es dir.

Anders als noch in der Unter­su­chungs­haft sind Besu­che von Ange­hö­ri­gen in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern grund­sätz­lich nicht gestat­tet. Und den­noch kund­schaf­ten Eva und ihre Mut­ter die Bewa­chung aus, indem sie sich als Spa­zier­gän­ge­rin­nen aus­ge­ben. Dabei stel­len sie fest, dass einer der Wachen Litau­isch spricht, die Mut­ter­spra­che von Eva.

Mutig wagen sie das Außer­ge­wöhn­li­che: Eva spricht den Wäch­ter auf Litau­isch an und sagt ihm, dass sie in das Lager wolle, um ihren Ehe­mann zu spre­chen — und das mit Erfolg: Sie kann Willi tat­säch­lich für einige Minu­ten sehen.

Im Som­mer 1944 wird Neu­rath dann in das KZ Neu­en­g­amme ver­legt. Ab die­sem Zeit­punkt ver­liert Eva den Kon­takt zu ihm und weiß nicht mehr, wo er gefan­gen gehal­ten wird. Von dort wird er schließ­lich Ende April mit sei­nen Mit­häft­lin­gen auf die Cap Arcona ver­bracht. Eine Mög­lich­keit der Kon­takt­auf­nahme mit sei­ner Frau oder gar ein Wie­der­se­hen scheint somit aus­ge­schlos­sen. Doch auch Eva, die in der Zwi­schen­zeit als Mari­ne­hel­fe­rin ein­ge­setzt ist, wird im Zuge der Auf­lö­sung der deut­schen Marine in den letz­ten Kriegs­ta­gen nach Neu­stadt beor­dert und in der U-Boot-Schule ein­quar­tiert. Als am 3.Mai 1945 die Royal Air Force die Schiffe bom­bar­diert, kann sie natür­lich nicht wis­sen, dass sich ihr Mann auf der „Cap Arcona“ befin­det, wird jedoch von einer gro­ßen Unruhe getrieben.

Die große Kata­stro­phe, die sich im Laufe des Tages auf der Ost­see vor Neu­stadt abspielt, erle­ben die bei­den schließ­lich aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven. In einem Brief, den Willi 1947 an die Witwe eines beim Angriff umge­kom­me­nen Mit­häft­lings und Kame­ra­den schreibt, berich­tet er von den schreck­li­chen Ereignissen:

Lange waren wir nicht auf dem Schiff und dann ereilte uns unser Unglück. Am 3. Mai 1945 wur­den unsere Schiffe mit­tags um 14.45 Uhr von eng­li­schen Bom­ben­flug­zeu­gen ange­grif­fen. Und das war der Tod von 7500 Häft­lin­gen. Hilf­los waren wir dem Feuer– oder Was­ser­tode aus­ge­lie­fert. Tau­sende spran­gen ins Was­ser und ertran­ken und Tau­sende kamen in den Flam­men um. Es war furcht­bar, so furcht­bar, dass es kaum mit Wor­ten zu erzäh­len ist.“

Willi über­lebt, weil er sich in dem gro­ßen Chaos, das auf der bren­nen­den Cap Arcona herrscht, auf das Vor­schiff ret­ten kann. Dort wird er am Ende des Tages von bri­ti­schen Sol­da­ten geret­tet und ver­bringt die Nacht zum 4. Mai am Strand von Neustadt.

Am nächs­ten Mor­gen geht Eva zum Strand, wieso weiß sie auch nicht. Dort kommt ihr ein Mann ent­ge­gen, ver­dreckt, ver­rußt, ver­wun­det – völ­lig unkennt­lich. Sie will ihn pas­sie­ren, doch der ver­meint­lich Fremde geht direkt auf sie zu und spricht sie mit ihrem Kose­na­men an. Es ist Willi. Vor Schreck fällt sie in Ohnmacht.

 

III. Nach 1945 blei­ben Willi und Eva Neu­rath noch ein paar Jahre in Neu­stadt. Er arbei­tet als Ange­stell­ter bei der Stadt­ver­wal­tung und küm­mert sich mit eini­gen Kame­ra­den um die Ber­gung der Opfer der Kata­stro­phe und die Anlage des Cap Arcona Mahn­mals. Spä­ter enga­giert er sich im Kie­ler Innen­mi­nis­te­rium für die poli­ti­schen Wie­der­gut­ma­chungs­fälle. Damit hat er seine ehe­ma­li­gen Haft­ka­me­ra­den auch nach­träg­lich unter­stüt­zen können.

IV. Nach­dem wir uns nun zwei Tage mit den Brie­fen und Berich­ten von und über Willi Neu­rath beschäf­tigt haben, ist uns klar gewor­den, was für ein beson­de­rer Mensch er gewe­sen sein muss. Wir haben uns gefragt, was das Schick­sal die­ses Men­schen uns heute bedeu­ten kann. Hier ist unsere Antwort:

Wir bewun­dern Willi Neu­rath für seine Stärke und seine Hart­nä­ckig­keit, seine Tap­fer­keit, sein Pflicht­be­wusst­sein und sein Mit­ge­fühl. Wir fin­den es bemer­kens­wert, dass er sich trotz der so ver­häng­nis­vol­len und tra­gi­schen Erleb­nisse nicht in sei­nem Wir­ken beein­flus­sen las­sen hat und dass er ande­ren wei­ter­hin half.

Reise in die Jungsteinzeit

Am letzten Frei­tag traf sich die 6d zu einem Fach­tag Geschichte im ZeiT­Tor­mu­seum, um das Thema Stein­zeit mit allen Sin­nen zu erfah­ren. Egal ob beim Feu­er­ma­chen mit dem Feu­er­boh­rer, beim Sägen, Schnit­zen und Boh­ren mit einem Feu­er­stein oder aber beim Getrei­de­mah­len wie die Men­schen der Jung­stein­zeit — alle waren begeis­tert bei der Sache und freuen sich jetzt auf die nächste Geschichts­stunde, in der aus dem selbst gemah­le­nen Mehl geba­ckene Kekse noch ein­mal an die­sen lehr­rei­chen und kurz­wei­li­gen Vor­mit­tag erin­nern werden.

Jüdi­sche Lebens­wel­ten in Deutsch­land heute

In der ver­gan­ge­nen Woche besuch­ten alle Klas­sen unse­rer Schule die von der Zeit­bild Stif­tung kon­zi­pierte Aus­stel­lung „Jüdi­sche Lebens­wel­ten in Deutsch­land heute“. Um Ihnen leich­ter Zugang zu die­sem Thema zu ver­schaf­fen, hat­ten sich im Vor­feld zehn Schü­le­rin­nen und Schü­ler aus Klasse 8 bis Q2 in einem Flex­Pro­jekt gemein­sam mit Frau Schade und Frau Schrö­der inten­si­ver mit dem Juden­tum in Deutschland aus­ein­an­der­ge­setzt, um ihre Mit­schü­le­rin­nen und Mit­schü­ler durch die Aus­stel­lung zu füh­ren. Der Schwer­punkt sollte ganz bewusst nicht auf der Geschichte der Ver­fol­gung der Juden unter dem NS-Regime ste­hen, son­dern auf der Frage, wie Juden heut­zu­tage in unse­rem Land ihre Reli­gion leben. Aus die­sem Grund besuchte die Pro­jekt­gruppe die Syn­agoge der jüdi­schen Gemeinde in Lübeck, wo sich Herr Leo­nid Kogan Zeit nahm, der Gruppe die gerade in der End­phase der Sanie­rung befind­li­che Syn­agoge zu zei­gen. Im Anschluss prä­sen­tierte er im vor­über­ge­hen­den Gebets­raum im Gemein­de­haus nicht nur alle ritu­el­len Gegen­stände eines jüdi­schen Got­tes­diens­tes, son­dern stellte sich auch offen allen Fragen. Inter­es­sierte kön­nen die Aus­stel­lung noch bis zum 29. Novem­ber im Ver­wal­tungs­flur des KGN anschauen. Danach wird sie ins ZeitTor-Museum umzie­hen. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler des Flex­pro­jek­tes kön­nen für einen Besuch der Aus­stel­lung auch dort als Aus­stel­lungs­füh­rer gebucht wer­den. Bei Inter­esse ver­mit­telt Frau Schrö­der eine Führung.